Interview mit Dr. Michael Meyer

Interview mit Dr. Christian Garthaus

Mitglieder des Sächsischen Transfer-Netzwerks im futureSAX-Interview:

Dr. Michael Meyer, Forschungsleiter am Forschungsinstitut für Leder- und Kunststoffbahnen FILK

Was vor mehr als hundert Jahren als Schule für Gerber begann ist heute ein fester Bestandteil in der Forschungslandschaft Deutschlands. Wir haben im Vorfeld mit dem Forschungsleiter Dr. Michael Meyer über seine Arbeit, Erfolge und Ziele gesprochen.

„Letztlich haben alle unsere Aktivitäten(…), immer das Ziel Innovationen und Nutzen für die Industrie zu stiften…“

futureSAX: Herr Dr. Meyer, bitte beschreiben Sie kurz die Forschungsschwerpunkte und Kernkompetenzen des Forschungsinstituts für Leder- und Kunststoffbahnen FILK.

Historisch war unser Institut vor fast 130 Jahren zunächst Schule für Gerber, wenig später auch Forschungseinrichtung für die Lederindustrie und seit den 1960ern auch spezialisiert auf Beschichtungen flexibler Materialien mit synthetischen Polymeren, denken Sie an Kunstleder. Bis heute haben wir uns aber kontinuierlich thematisch erweitert. Wir beschichten immer noch flexible Materialien aber eben nicht nur Textilien, sondern auch Papier, Bleche oder auch Verbünde. Wir stellen aber auch selbst Polymere her, entwickeln Prozesse zur Gewinnung von kollagenen Biomaterialien, können natürliche und synthetische Oberflächen modifizieren, um Reibung und Verschleiß zu steuern, und haben nicht zuletzt auch biologische Labore zur Untersuchung der Biokompatibilität oder des mikrobistatischen Verhaltens von Materialien.

futureSAX: Das FILK ist Mitglied der Sächsischen Industrieforschungsgemeinschaft (SIG). Als industrienahe Forschungseinrichtung entspricht es ihrem Leitbild, die Forschungsarbeiten und Bildungsangebote überwiegend am Entwicklungs- und Wissensbedarf der mittelständischen Wirtschaft zu orientieren. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus und wie können sächsischen Unternehmen von der Forschung und Entwicklung am FILK profitieren?

Letztlich haben alle unsere Aktivitäten und Arbeiten am Institut, ebenso wie die unserer Partnerinstitute der SIG, immer das Ziel Innovationen und Nutzen für die Industrie zu stiften, vor allem für die mittelständische, die nicht ohne Weiteres genügend Ressourcen hat, um über F&E ausreichend Innovationen zu erzeugen. Dann kommen die unabhängigen Industrieforschungseinrichtungen wie die unsrige ins Spiel. Wir überlegen schon zu Beginn, also in der Phase der Entwicklung von Projektideen und der Genese von Projekten, wie daraus später Innovationen für den Transfer in die Industrie entstehen können.

Über unseren Förderverein stehen wir zusätzlich in einem engen Austausch mit unseren Mitgliedsunternehmen, mehrheitlich auch Mittelständler. So können wir kontinuierlich unsere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten justieren und an die Bedürfnisse unserer Industrien anpassen.

Die Aktivitäten der SIG haben unter anderem das Ziel, die Forschungskompetenzen am Standort Sachsen stärker sichtbar zu machen. Und so arbeiten auch wir daran, unsere sächsischen Partnerunternehmen immer wieder mit unserer Kompetenz zu unterstützen. So mancher weiß gar nicht, was er vor der Haustüre hat. Idealerweise münden unsere F&E-Aktivitäten in Kooperationsprojekte, die dann bis zu einer Verfahrens- oder Produktentwicklung führen.

„Der Freistaat Sachsen unternimmt seit vielen Jahren große Anstrengungen, Medizintechnik- und Biomedizintechnikunternehmen und Start-ups zu etablieren.““

futureSAX: Das FILK ist Mitglied der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen. Im September 2018 wurde mit sechs weiteren AiF-Mitgliedern die "Forschungsallianz Medizintechnik (FAM)" ins Leben gerufen. Herr Dr. Meyer, welche Ziele und Inhalte verfolgt das FILK mit der Allianz, welche positiven Effekte erwarten Sie für den Standort Sachsen und wie können sich Unternehmen daran beteiligen?

Unter dem Dach der "Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen" (AiF) bearbeiten insgesamt über 100 AiF-Forschungsvereinigungen regelmäßig Forschungsprojekte der Industriellen Gemeinschaftsforschung in den unterschiedlichsten Technologie-, Branchen- und Anwendungsfeldern, einige davon mit Bezug zur Medizintechnikbranche. Es werden Themen wie Biomaterialien, Sensorik, Medizin-Informatik ebenso adressiert, wie Diagnostik, Digital Health, Materialentwicklung für die medizinische Therapie und Tissue Engineering.

Oft genug lassen sich diese Forschungsaktivitäten, die in den zurückliegenden Jahren auf Grund von Diversifizierungsstrategien entwickelt wurden, nicht am Namen der Forschungsvereinigungen ablesen. An unserem Beispiel, was hat Leder mit Biomaterialien zu tun? Dieser Umstand erschwert es Medizintechnik-Unternehmen, interessante Themen und Forschungsvereinigungen in der AiF zu identifizieren und davon zu profitieren.

Über die FAM werden wir der Medizintechnik-Branche eine noch größere Anzahl Forschungsprojekte vorstellen können, eine größere thematische Transparenz schaffen und auch die sehr komplexen Themen inhaltlich verstärkt angehen. Die Unternehmen sind eingeladen, auch eigene Fragestellungen einzubringen und vom direkten Technologietransfer zu profitieren. Das gilt natürlich auch für sächsische Unternehmen und Forschungseinrichtungen.

futureSAX: Herr Dr. Meyer, der Institutsname lässt es nicht vermuten, allerdings ist das FILK mittlerweile auch sehr stark im Bereich Biomedizin und insbesondere der angewandten Kollagenforschung tätig. Was verbirgt sich hinter diesem „Transfer“ und welche Innovationspotentiale sehen Sie darin für die sächsische Wirtschaft?

Der Freistaat Sachsen unternimmt seit vielen Jahren große Anstrengungen, Medizintechnik- und Biomedizintechnikunternehmen und Start-ups zu etablieren. Das Max-Bergmann-Zentrum in Dresden und die Bio-City in Leipzig sind erfolgreiche Beispiele hierfür. Unsere Forschungsschwerpunkt und somit unser Beitrag auch für Innovationen sächsischer Unternehmen liegen in der angewandten Kollagenforschung.

Kollagen wird seit etwa 40 Jahren in der Pharma-, der Kosmetikindustrie und für die Herstellung von Medizinprodukten eingesetzt. Es kann zu Folien, Fäden, Schläuchen oder 3D Formen verarbeitet werden, um daraus Hämostyptika, Implantate, Drug Delivery Systeme und Zellträger herzustellen. Spannend ist für uns zu sehen, dass die Technologien und hier auch Eigenentwicklungen, denen der Lederherstellung sehr ähnlich sind, jedoch unter Reinraumbedingungen. Hier besitzen wir nachvollziehbar sehr großes Know-how.

Wir entwickeln Prozesse und die begleitende Analytik für Biomaterialhersteller bis hin zu Analysen, die für die Zulassung als Medizinprodukt erforderlich sind. Mit diesen Kompetenzen an unserem Institut sehen wir auch großes Potential für sächsische Unternehmen.

„Unsere Freiberger Ledertage(…) sind zu dem Europäischen Meeting Point der Lederindustrie geworden…“

futureSAX: Im Juni 2019 finden zum 8. Mal die Freiberger Ledertage – ein branchenübergreifendes Forum zum Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – statt. Herr Dr. Meyer, wie kann nach ihrer Einschätzung der branchenübergreifende Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch verbessert werden?

Unsere Freiberger Ledertage haben sich in den vergangenen 7 Jahren tatsächlich gut etabliert und sind zu dem Europäischen Meeting Point der Lederindustrie geworden, letztes Jahr mit fast 250 Teilnehmern. In diesem Jahr werden die Ledertage mit dem Weltkongress der Gerbereichemiker und Techniker gekoppelt, auch auf Grund unserer Kompetenzen auf dem Gebiet. Dass der XXXV. IULTCS International Congress im Juni nach Dresden delegiert wurde ist auch Bestätigung und Anerkennung unserer Arbeit aber auch für den Standort Sachsen. Wir freuen uns schon sehr darauf, wenn sich Vertreter aus der Gerberei- und Lederindustrie mit den Wissenschaftlern der Branche aus der ganzen Welt bei uns in Dresden treffen. Wichtig ist uns aber immer auch über die Branche hinaus zu schauen und den persönlichen Kontakt zu unseren vielen Kooperationspartner zu pflegen. Darin liegt wohl der Schlüssel für den Erfolg.

futureSAX: Herr Dr. Meyer, was war Ihr Beweggrund, Teil des Sächsischen Transfer-Netzwerks zu werden, und wie wichtig sind solche branchenübergreifenden Plattformen für den Wissens- und Technologietransfer?

Branchenübergreifenden Innovationsplattformen wie futureSAX für Sachsen messe ich ebenso viel Bedeutung wie den fachlichen Netzwerken bei. Die Themenstellungen in der Industrie und in Forschung und Entwicklung sind heute wesentlich komplexer als noch vor 20 Jahren. Oft lassen sie sich nur noch mit Partnern angrenzender Forschungsgebiete und/oder mit Querschnittsfunktionen bearbeiten. Hier bieten Transfer- und Know-how-Netzwerke einen idealen Ideen- und Austauschpool. Die Mitarbeit liefert Inspiration und Ideen für die Entwicklung von neuen Forschungsthemen mit neuen Partnern. Es lassen sich Synergien und Berührungspunkte mit Forschungseinrichtungen identifizieren, die man so nicht unbedingt im Fokus hatte. Und letztlich lassen sich Transferaktivitäten viel zielgerichteter kanalisieren.

futureSAX: Vielen Dank für das Interview.

Mehr zum Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen FILK. erfahren Sie hier.

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