Interview mit Jun.-Prof. Mario Geißler

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Interview mit Jun.-Prof. Mario Geißler

Juniorprofessor, ScienceSlammer, Gründer — Jun. - Prof. Mario Geißler von der Technischen Universität Chemnitz ist vieles auf einmal, aber all das wird durch seine Begeisterung für das Thema innovative Geschäftsideen und -modelle verbunden. Wir haben mit ihm über seine Passion gesprochen.

„Mit der Juniorprofessur vertrete ich das Thema Entrepreneurship, also die Entwicklung innovativer Geschäftsideen und -modelle in der Lehre und Forschung.”

futureSAX: Im Jahr 2014 wurde die Juniorprofessur „Entrepreneurship in Gründung und Nachfolge“ als Stiftungsprofessur der Sparkasse Chemnitz an der Technische Universität Chemnitz eingerichtet. Herr Jun.-Prof. Geißler, welche zentralen Inhalte und Ziele verfolgen Sie als Lehrstuhlinhaber?

Mit der Juniorprofessur vertrete ich das Thema Entrepreneurship, also die Entwicklung innovativer Geschäftsideen und -modelle in der Lehre und Forschung. Seitens der Lehre ist es mir wichtig, für das Thema zu sensibilisieren und darzustellen, wie entsprechende Fähigkeiten zur Identifikation, Bewertung und Umsetzung innovativer Geschäftsideen im Start-up und im etablierten Unternehmen funktionieren kann. Dabei geht es natürlich einerseits um die Fähigkeiten, die beim Aufbau eines Wachstumsunternehmens benötigt werden. Zum anderen ist mir auch das Thema Social Entrepreneurship wichtig. Also wie können wir gesellschaftliche Herausforderungen mit unternehmerischen Mitteln lösen. Häufig werde ich in diesem Zusammenhang gefragt, wie viele meiner Studenten gegründet haben. Natürlich gibt es diese Erfolgsbeispiele, die während oder direkt nach dem Studium gründen. Das ist allerdings nicht der Indikator, an dem ich meinen Erfolg messe. Vielmehr gilt es ebenso, das Thema Unternehmertum in die Breite zu tragen, um auch im Umfeld aktueller und zukünftiger Gründer für das Thema und die damit verbundenen Herausforderungen zu sensibilisieren. Das ist essentiell, um eine gründungsfreundliche Kultur zu entwickeln. Dies sind auch Aspekte, die mich in meiner Forschung bewegen. In einer aktuellen Publikation in der international führenden Fachzeitschrift Research Policy habe ich gemeinsam mit Kollegen aus St. Gallen und Göttingen zeigen können, wie wichtig eine breite Gründungslehre an Hochschulen ist, um ein positives Gründungsklima zu etablieren.

futureSAX: Herr Jun.-Prof. Geißler Sie leiten die Projektstudie "Start-up Ökosystem Sachsen". Wie stellt sich die Position Sachsen im deutschlandweiten Vergleich ihrer Meinung nach dar? Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie?

Die Studien vergleichen vorwiegend einzelne Städte miteinander und analysieren einzelne Rahmenbedingungen innovativer Gründungen. Wir haben meiner Meinung nach in Sachsen bereits ein sehr interessantes Ökosystem. Mit zwei Acceleratoren bzw. Inkubatoren, dem neuen InnostartBonus sowie vielfältigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben wir enormes Potenzial. Gleichzeitig befinden wir uns aber als innovatives Bundesland im innerdeutschen Vergleich beim Kfw-Gründungsmonitor auf Rang 10 bei der Analyse der Gründungstätigkeit und haben damit im Vorjahresvergleich drei Plätze verloren. Laut Deutschen Start-up Monitor kommen ca. 4,6 % aller Start-ups aus Sachsen, womit wir ebenfalls einen Platz im Mittelfeld einnehmen. Gleichzeitig beobachte ich in anderen Orten Deutschlands, wie sich verschiedene Anspruchsgruppen verbinden und sehr konzentrierte und thematisch fokussierte Initiativen gründen. Da müssen wir gar nicht nach Berlin oder München schauen. Ich denke hier beispielsweise an das TechQuartier in Frankfurt am Main oder den Zollhof in Nürnberg. Tolle Orte, die mir persönlich sehr gefallen haben. Hierbei geht es vor allem auch um den Aufbau starker regionaler Communities, um die Gründungskultur nachhaltig zu stärken. Hinter diesen Initiativen stehen eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft, die Start-ups fördern, mit etablierten Unternehmen zusammenbringen und somit auch Innovationsimpulse im Mittelstand forcieren. Als Financiers dienen meist Großkonzerne, die international mehrere Innovationslabore betreiben und in den jeweiligen Regionen auch angesiedelt sind. Das sind Rahmenbedingungen, die wir in Sachsen nicht flächendeckend vorfinden. Mir stellt sich daher die Frage, wie wir unseren Mittelstand für die strategische Kooperation mit Start-ups gewinnen können. Ein futureSAX-Ansatz dazu ist ja das Innovationsforum. Ein Format, das ich für sehr wichtig halte und von denen es auf lokaler Ebene noch viel mehr geben sollte. Ich denke, dass einzelne Formate in den verschiedenen Regionen Sachsens wesentlich für den Austausch zwischen neuen Unternehmen und etablierter Wirtschaft sind. Eine Herausforderung wird sein, diese lokalen Potenziale zu aktivieren. Eine weitere Herausforderung ist aus meiner Sicht die wahrnehmbare inhaltliche Akzentuierung der einzelnen Gründerstandorte in Sachsen und eine Profilbildung, um regionale Stärken und Chancen herauszuarbeiten. Dies erscheint mir wesentlich, um auch Start-ups aus anderen Regionen Deutschlands und Europas auf Sachsen aufmerksam zu machen. Doch da muss ich klare Antworten darauf haben, welche Vorteile mir ein Standort in Sachsen im Vergleich zu meinem aktuellen Standort bietet. Für Start-ups in frühen Phasen sind das neben Kapitalgebern auch engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer, die mir beispielsweise einen realen Anwendungsfall und damit Proof of Concept meiner Geschäftsidee bieten.

„Wir haben meiner Meinung nach in Sachsen bereits ein sehr interessantes Ökosystem.”

futureSAX: Mit der Impact Challenge bietet der Lehrstuhl ein Format an, welches regionale Unternehmen und Studierende zusammenbringt, um an realen Praxisproblemen zu arbeiten. Was verbirgt sich genau hinter diesem Format?

Wirtschaftliche, gesellschaftliche und technische Herausforderungen können unterschiedlich betrachtet werden. Einerseits können sie bedrohend und lähmend wirken. Andererseits können in den damit verbundenen Veränderungen Chancen liegen. Die Impact Challenge setzt genau an diesem Punkt an. Zusammen mit unseren Praxispartnern bringen wir Studenten echte Herausforderungen an. Diese wurden im letzten Jahr beispielsweise von den Unterstützern IAV GmbH, AOK Plus und Sparkasse Chemnitz zur Verfügung gestellt.

In der semesterbegleitenden Workshop-Reihe lernen die Studierenden dann an ihrer Herausforderung, wie sie mit bewährten Methoden und Denkweisen, wie etwa Design Thinking und Lean Startup, neuartige Lösungen für komplexe Problemstellungen entwickeln können.

Damit haben sie nicht nur die Chance, neue Methoden zu erlernen und gleich anzuwenden, sondern erhalten auch Coaching von erfahrenen Experten und die Möglichkeit zum Austausch mit Gleichgesinnten.

Wir wollen damit den Gründergeist unter Studierenden über Fächergrenzen hinweg wecken und zeigen, wie Probleme und Herausforderungen in Unternehmenschancen und Geschäftsmodelle umgewandelt werden können. Im letzten Semester hatten wir sogar 70 Anmeldungen für die maximal 30 Plätzen. Mit so viel positivem Feedback und Interessenten hätten wir nie gerechnet, als wir die Workshop-Reihe im letzten Jahr ins Leben gerufen haben.

Besonderes Augenmerk liegt aber auch darauf, dass unternehmerisches Denken und Wissen nicht nur bei der Gründung des eigenen Start-ups zum Einsatz kommen können. Vielmehr sind diese Fähigkeiten auch in der etablierten Wirtschaft gefragt. So können entsprechend sensibilisierte und ausgebildete Absolventen und Absolventinnen einen wertvollen Beitrag leisten, neue Geschäftsfelder für Unternehmen zu identifizieren und zu entwickeln.

futureSAX: Zum futureSAX-Innovationsforum „Know-how – Wissen wie!?“ Sind Sie Tischpate für das Thema „Technologietransfer durch Start-up trifft Mittelstand“. Was sind ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Vorteile, die aus dieser Kooperation entstehen.

Meiner Erfahrung nach ist es für etablierte Unternehmen und deren Mitarbeiter extrem herausfordernd, außerhalb ihres etablierten Geschäftsmodells zu denken. Durch die Kooperation und den Austausch mit Start-ups können sie neue Technologien und Geschäftsmodelle kennenlernen, die ihnen im aktuellen Geschäftsmodell, beispielsweise bei der Steigerung der Effizienz und Effektivität helfen können. Zudem sehe ich einen großen Vorteil darin, sich durch eine strategische Kooperation den Zugang zu neuen Kunden und neuen Märkten zu ermöglichen. So benötigen neue Märkte, wie sie sich beispielsweise auch im Rahmen der Digitalisierung eröffnen, häufig auch neue, innovative Geschäftsmodelle. Genau das ist die Stärke von Start-ups, die keine Rücksicht auf bestehende Strukturen und Prozesse nehmen müssen. Zudem höre ich auch immer wieder von Unternehmern, dass sie durch die Kooperation mit Start-ups auch noch einmal einen Schub in die eigene Unternehmenskultur bringen wollen und ihre Mitarbeiter beispielsweise wieder zu mehr Neugier und Experimentierfreude anregen.

„Der Zugang zu einem breiten und branchenübergreifenden Netzwerk ist (…) essentiell.”

futureSAX: Herr Jun.-Prof. Geißler, Sie sind selber Gründer und haben mit dem Q-HUB in Chemnitz einen Raum geschaffen, indem Start-ups und etablierte Unternehmen in den Austausch treten und gegebenenfalls Kooperationen anstoßen können. Wo sehen Sie die größte Einstiegshürde für solche Kooperationen und wie können Sie diese mit dem Q-HUB überwinden?

Die größten Herausforderungen sehe ich im ersten Schritt in der Herstellung von Transparenz und dem Matching. Welche Start-ups gibt es eigentlich und wie können hier etablierten Unternehmen helfen? Dafür bedarf es seitens der Unternehmen neben einer Offenheit für das Thema auch einer Innovationsstrategie mit spezifischen Zielen, wie beispielsweise Suchfeldern. Ansonsten überlässt man den Kontakt und die Zusammenarbeit schnell dem Zufall. Zudem müssen etablierte Unternehmen den Kooperationen auch Zeit einräumen. Durch unsere Arbeit im Q-HUB kommen wir mit vielen verschiedenen Start-ups in Kontakt. Gleichzeitig haben wir vor allem durch meinen Mitgründer Frank Theeg ein breites Netzwerk zu regionalen Geschäftsführern. Wir erleben es häufig, dass wir mit Unternehmern sprechen, ihnen einige Start-ups vorstellen und die Unternehmerinnen und Unternehmer spontan verschiedenste Kooperationsmöglichkeiten entdecken. Das erfordert seitens aller Partner viel Offenheit und Vertrauen. Hier können wir unterstützen, indem wir als unabhängiger Partner regional verbunden sind und zwischen den uns bekannten Partnern persönlich vermitteln.

futureSAX: Was war Ihr Beweggrund, Teil des futureSAX-Know-how-Netzwerkes zu werden, und wie wichtig sind solche branchenübergreifenden Plattformen für den Wissens- und Technologietransfer zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen?

Mich begleitet das Thema Start-up und Technologietransfer seit vielen Jahren. Der Zugang zu einem breiten und branchenübergreifenden Netzwerk ist dabei essentiell. So kann man aus anderen Branchen etwas lernen, das sind häufig Impulse, die anregen und helfen, Themen aus einer völlig anderen Perspektive zu sehen.

futureSAX: Vielen Dank für das Interview.

Mehr zur Juniorprofessur Entrepreneurship in Gründung und Nachfolge, Stiftungsprofessur der Sparkasse Chemnitz, an der Technischen Universität Chemnitzerfahren Sie hier.

Mehr zum Q-HUB Chemnitz erfahren Sie hier.

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