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„Wir sehen uns als Brücken­bauer zwischen Forschung und Markt – für mehr erfolg­reiche Hightech-Startups in Deutschland und Europa.“

futureSAX Inves­toren-Interview – Interview mit Johann C. Siemes, Managing Director @ FTTF

Die Fraun­hofer-Gesell­schaft ist fester Bestandteil der deutschen Innova­ti­ons­land­schaft und gilt als Europas größte Organi­sation für angewandte Forschung vielen Insti­tuten mit gleichem Schwer­punkt als Vorbild. Um diese Rolle als Vorreiter und Impuls­geber des deutschen Innova­ti­ons­feldes zu stärken wurde Anfang 2019 die Fraun­hofer Techno­logie Transfer Fonds GmbH (FTTF) gegründet. Damit sollen die Ausgrün­dungs­zahlen gesteigert und eine nachhaltige Betei­li­gungs­stra­tegie etabliert werden. Wir haben mit Managing Director Johann C. Siemes über seine Arbeit gesprochen.

futureSAX: Herr Siemes, in diesem Jahr hat die Fraunhofer-Gesellschaft mit dem Fraunhofer Technologie-Transfer Fonds (FTTF) einen eigenen Venture Capital Fonds ins Leben gerufen. Welche Überlegungen stecken hinter diesem Schritt?

Johann C. Siemes: Unser Team hat sich bereits vor der Gründung des FTTF individuell viele Jahre mit dem „Ausgründungsmanagement aus Forschungseinrichtungen beschäftigt und hat in Summe sieben Hightech-Startups als Co-Founder aufgebaut. In unserem Alltagsgeschäft haben wir (Matthias Keckl, Johann C. Siemes, Tobias Schwind, Jörg Wamser) immer wieder erfahren, dass es in Deutschland eine Finanzierungslücke für junge Hightech-Unternehmen“ gibt, die ihre Technologie vom Labor in den Markt bringen wollen. Selbst vielversprechende Projekte und Forscherteams mit aussichtsreichem IP haben aufgrund noch fehlender Umsätze Probleme, frühzeitig Investoren ins Boot zu holen. Als Konsequenz fehlt vielen Startups dadurch einerseits die Beschleunigung in der Anfangsphase für einen erfolgreichen Markteintritt, andererseits wagen viele gute Geschäftsideen erst gar nicht den Schritt raus aus dem Labor – und verschwinden in der Schublade.

 

Dieses Problem sind wir gemeinsam mit dem European Investment Fund (EIF) und der Fraun­hofer-Gesell­schaft angegangen und haben mit dem FTTF den ersten Tech-Transfer Fonds einer Forschungs­ein­richtung in Deutschland aufge­setzt. 

„Wir sehen uns dabei als Brückenbauer zwischen Forschung und Markt – für mehr erfolgreiche Hightech-Startups in Deutschland und Europa.“

futureSAX: Sie investieren in vielversprechende Fraunhofer Start-ups. Aktuell gibt es 14 Fraunhofer Institute in Sachsen, des Weiteren gilt Dresden mit seinen zehn Fraunhofer-Instituten, -Einrichtungen und -Institutsteilen mittlerweile als „Fraunhofer-Hauptstadt“. Ihr Blick bei der Suche nach passenden Cases richtet sich also auch nach Sachsen. Nach welchen weiteren Kriterien, neben dem Fraunhofer-Hintergrund, investieren Sie in Unternehmen?

Johann C. Siemes: Wir fokussieren uns auf die Pre-Seed-Phase als hauptsächlichen Einstiegspunkt, Erstfinanzierungen in späteren Phasen sind auch möglich. Erfahrungsgemäß ist die Pre-Seed-Phase den meisten Venture Capital Fonds noch zu früh und riskant. Die Startups sind oft erst neu gegründet und haben daher keinen belastbaren Track Record vorzuweisen. Unser Vorteil ist, dass wir die Projektteams sehr früh kennenlernen; in der Regel findet der Erstkontakt bereits in der Vorgründungsphase statt. Dabei arbeiten wir sehr eng mit den Inkubatoren von Fraunhofer Venture zusammen: AHEAD und TechBridge.

 

AHEAD befähigt unter­neh­me­rische Forscher u.a., ihre Erfindung mit einer eigenen Geschäftsidee in eine Ausgründung umzusetzen. Über TechBridge können beste­hende, externe Startups ihr Geschäfts­modell auf techno­lo­gi­scher Seite durch ein syste­ma­ti­sches Matching mit Fraun­hofer-Expertise und -Ressourcen weiter­ent­wi­ckeln. Der FTTF ist bei beiden Programmen von Anfang an invol­viert und hat somit die Möglichkeit, Projekte frühzeitig zu evalu­ieren und sinnvolle Finan­zie­rungs­kon­zepte mitzu­ge­stalten.

futureSAX: Thomas Doppelberger, Leiter von Fraunhofer Venture, war in der Jury des Sächsischen Gründerpreis 2019. In welcher Form ergänzt der FTTF die bisherigen Leistungen der Fraunhofer-Gesellschaft im Transferbereich wie z.B. Fraunhofer Venture?

Johann C. Siemes: Wie bereits erwähnt, besteht eine enge Kooperation zwischen den Transferprogrammen der Fraunhofer-Gesellschaft und dem FTTF. Gemeinsam ist es unser Ziel, einen nahtlosen Ausgründungsprozess aus der Wissenschaft zu etablieren. Während die Fraunhofer-Gesellschaft sich vor allem auf die Förderung in der Vorgründungsphase konzentriert, setzt der FTTF mit dem Pre-Seed Investment unmittelbar nach der Gründung an. Somit fließt richtiges Investment-Kapital sehr früh und direkt in das gegründete Unternehmen für den Markteintritt. Als unabhängiger, naher Investor und „preferred partner der Fraunhofer-Gesellschaft“ stellen wir dadurch einen ersten, aber auch langfristigen Finanzierungspartner dar, der die Ausgründungsprozesse – speziell aus Forschungseinrichtungen – bestens kennt.

futureSAX: Ihr Team besteht auch aus ehemaligen Gründern – welchen Vorteil sehen Sie dabei für Ihre Entscheidungen bei Investitionen und auch für die Gründer der Portfoliounternehmen?

Johann C. Siemes: Wer selbst schon mal alle Phasen einer Gründung – von der Beinahe-Insolvenz bis zum erfolgreichen Last-Minute-Exit – durchlebt hat, kann sich sehr gut in die Lage der Gründer versetzen. Man spricht dieselbe Sprache und hat meistens gleich eine gemeinsame Basis. Das sorgt zum einen für ein effektiveres Verständnis im Dealflow-Screening und dem anschließenden Due Diligence Prozess. Zum anderen können wir die angehenden Gründer hands-on über die gesamte Gründungsphase aus einer Forschungseinrichtung beraten und bieten Zugang zu einem breiten Netzwerk an Experten, Industriekontakten und potenziellen (Anschluss)Investoren.

 

Auch bei der Konzep­tio­nierung unserer Invest­ment­stra­tegie hat die Erfahrung aus der Vergan­genheit eine entschei­dende Rolle gespielt: Aus den eigenen Gründungen und der Betreuung vieler Fraun­hofer Ausgrün­dungen wissen wir, wie wichtig Beschleu­nigung in der Pre-Seed-Phase ist. Deshalb ist der FTTF in der Lage, wenn alle Voraus­set­zungen stimmen, eine Erst-Finan­zierung von 250.000 Euro in vier bis sechs Wochen zu reali­sieren.

„Ziel dieses Investments ist es, das Geschäftsmodell konkret am Kunden zu validieren und das Unternehmen im Markt zu etablieren.“

Bei einer positiven Entwicklung des Startups können wir in Summe bis zu 5 Millionen Euro pro Unter­nehmen in Folge­fi­nan­zie­rungs­runden, auch in der Rolle als Lead-Investor, beitragen.

futureSAX: Als Transferfonds werden Sie vor allem in Teams aus gründungswilligen Wissenschaftlern investieren. Welche Tipps haben Sie für Wissenschaftler, die mit dem Gedanken einer Ausgründung spielen?

Johann C. Siemes:

„Obwohl das Investitionsniveau in Deutschland noch ausbaufähig ist, gab es noch nie so gute Voraussetzungen, das eigene Unternehmen erfolgreich aufzubauen!“

Viele Gründungs­i­ni­tia­tiven und Startup-Ökosysteme – wie auch futureSAX – bieten wertvolle Ressourcen, die einem Startup entscheidend helfen können.

 

Gute Leute im Team und schnelles Lernen im direkten Marktumfeld sind sehr wichtige  Erfolgs­fak­toren in der Anfangs­phase.  Damit lässt sich das Geschäfts­modell effizient validieren und unnötiges Risiko ist leicht zu vermeiden. Wenn diese Weichen­stellung ideal gesetzt ist, profi­tieren Gründer in späteren Phasen enorm bei der weiteren Entwicklung des Startups.

futureSAX: Als Investor kommt man mit vielen Ideengebern in Kontakt: Welche fünf Attribute muss ein Unternehmen mitbringen, um Sie zu überzeugen? Worauf legen Sie mehr Wert: Team oder Innovation?

Johann C. Siemes: In keiner bestimmten Reihenfolge:

  • Starkes Team mit vollem Einsatz im Startup
  • Fokussiertes Geschäftsmodell mit klarem USP
  • Geschütztes IP/ Tech und gesicherter Zugriff darauf
  • Produkt/Service als Lösung zu einem validierten Kundenproblem
  • Realistische, attraktive Roadmap zur Skalierung

 

Team oder Innovation? Das lässt sich schwer pauscha­li­sieren. Grund­sätzlich braucht es immer ein starkes Team, um im volatilen Startup-Geschäft zu bestehen.

futureSAX: Sie werden auch im Rahmen der futureSAX-Investoren Roadshow in Berlin vor Ort sein. Warum sind Teilnahmen an solchen Veranstaltungen für Unternehmen Ihrer Meinung nach empfehlenswert?

Johann C. Siemes:

„Veranstaltungen wie die futureSAX-Investoren Roadshow bieten eine großartige Plattform, um mit regionalen Ökosystemen in Kontakt zu kommen.“

Startups haben die Möglichkeit, sich Feedback für Ihr Geschäfts­modell einzu­holen und/oder mit poten­zi­ellen Kunden und Inves­toren in Kontakt zu treten. Inves­toren bekommen gleich­zeitig einen effizi­enten Überblick über eine Vielzahl von Startups, und Corpo­rates lernen neue Geschäfts­mo­delle und Techno­logien kennen. Ein Austausch zwischen den Teilnehmern ermög­licht es, techno­lo­gisch und markt­seitig am Puls der Zeit zu bleiben. Für den Aufbau eines starken Startup-Ökosystems brauchen wir dahinter entspre­chend gute Vernet­zungs­partner.

 

Wir bedanken uns für die Einladung und freuen uns auf das Event!

futureSAX: Vielen Dank für das Interview.

Kurzprofil Fraunhofer Technologie Transfer Fonds:

 

Investitionsfelder: Technologie-Transfer, Wissenschaftsausgründungen, High-Tech

Einstiegsphase: Pre-Seed und Seed

Initiale Ticketgröße: 250.000 Euro

 

Mehr Informationen zum Fraunhofer Technologie Transfer Fonds finden Sie unter fttf.vc