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„..nur durch gelebte, enge Koope­ra­tionen und den Austausch unter­ein­ander kann der Transfer in die Wirtschaft gelingen.“

Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Lothar Kroll, Koordi­nator des Bundesex­zel­lenz­clusters MERGE spricht mit uns über die Schlüs­sel­tech­no­logie Leichtbau und Trans­fer­po­ten­ziale.

futureSAX: Herr Prof. Kroll, bitte beschreiben Sie in wenigen Worten die Kernkompetenzen und Hauptaufgaben des Bundesexzellenzcluster MERGE.

Der Bundesex­zel­lenz­cluster „Tech­no­lo­gie­fusion für multi­funk­tionale Leicht­baustruk­turen“ (MERGE) der TU Chemnitz ist der erste und einzige Bundesex­zel­lenz­cluster auf dem Gebiet der inter­dis­zi­pli­nären Leicht­bau­for­schung. Leichtbau ist eine Schlüs­sel­tech­no­logie der Zukunft. Erforscht werden materi­al­wis­sen­schaft­liche und techno­lo­gische Grund­lagen für die großse­ri­en­taug­liche und ressour­cen­scho­nende Herstellung von Leicht­bau­ver­bund­struk­turen. Unser Ziel ist es, heute noch getrennte Ferti­gungs­pro­zesse bei der Verar­beitung unter­schied­licher Werkstoff­gruppen wie Textilien, Kunst­stoffe und Metalle zusam­men­zu­führen sowie gleich­zeitig Bauteile und Halbzeuge mit Sensorik und Aktorik auszu­statten. Mehrkom­po­nen­ten­bau­teile können dann in Großserie kosten­güns­tiger und energie­ef­fi­zi­enter produ­ziert werden.

futureSAX: Das MERGE-Technologiezentrum an der Technischen Universität Chemnitz hat sich zu einem der wichtigsten Forschungsstandorte für den Leichtbau in Deutschland entwickelt. Welchen Beitrag leistet MERGE zum Wissens- und Technologietransfer für die regionale wirtschaftliche Entwicklung in Sachsen?

In den Indus­trie­beirat von MERGE sind aktuell 56 Großun­ter­nehmen sowie kleine und mittlere Unter­nehmen einge­bunden, darunter auch zahlreiche sächsische KMU, die komple­mentär die Wertschöp­fungs­kette „Vom Werkstoff zur Leicht­baustruktur“ abbilden. Diese Verbindung ist für uns von beson­derer Bedeutung, denn nur durch gelebte, enge Koope­ra­tionen und den Austausch unter­ein­ander kann der Transfer in die Wirtschaft gelingen. Auch über den Cluster hinaus besteht insbe­sondere für den sächsi­schen Raum eine besondere Verbindung zu einer Vielzahl von Unter­nehmen, die – egal ob direkt vor der MERGE-Hallentür oder viele Kilometer weit weg behei­matet – mit uns gemeinsam in Projekten wie z. B. über das ZiM-Förder­pro­gramm des Bundes­wirt­schafts­mi­nis­te­riums auf bilate­raler Ebene in FuE-Vorhaben zusam­men­ar­beiten, mit denen wir Indus­trie­auf­träge reali­sieren, den Mitar­bei­ter­aus­tausch pflegen oder Schulungs­an­gebote wahrnehmen.

futureSAX: Nennen Sie uns bitte ein Beispiel für einen gelungen Transfer -insbesondere im Hinblick auf den sächsischen Mittelstand.

Ein aktuelles Verbund­projekt, das aus unserer Inter­na­tio­na­li­sie­rungs­stra­tegie des Clusters, genannt MERGEurope, hervorging, bringt vor allem sächsische und polnische Wirtschafts- und Wissen­schafts­ver­treter über das Thema der Verwertung von Altreifen zusammen. MERGE unter­stützt darin durch seine Netzwerke, die Expertise im Thema und unsere vorhandene Forschungs­in­fra­struktur sächsische KMU auf dem Weg zu ihrer eigenen Inter­na­tio­na­li­sierung. Das ist in Bezug auf die Wettbe­werbs­fä­higkeit von Unter­nehmen und deren Produkte oder Dienst­leis­tungen ein wesent­licher Faktor in einer globa­li­sierten Welt. Darüber hinaus waren und sind wir mit zahlreichen sächsi­schen Firmen, die u. a. im Bereich Werkzeugbau tätig sind, in verschie­denen Projekten in enger Abstimmung über die Fertigung von Leicht­bau­kom­po­nenten mit endlos­fa­ser­ver­stärkten Werkstoffen z. B. für den Bereich der Elektro­mo­bi­lität. In diesen Vorhaben geht es meist um eine Konzept­ent­wicklung für die Anlagen­technik, da an diese Werkzeuge spezielle Anfor­de­rungen gestellt werden, und die Proto­typen-Fertigung. Wir quali­fi­zieren so sächsische KMU auf Basis von Forschungs­pro­jekten in diesem Themen­gebiet.

futureSAX: Wie kann Ihrer Meinung nach der Transfer von der Forschung in die Anwendung noch besser unterstützt werden und welche ungenutzten Transferpotenziale sehen Sie?

Maßgebend dafür ist aus meiner Sicht zum einen immer eine indivi­duelle Vernetzung mitein­ander. Ohne stabile soziale Netzwerke zwischen den Menschen gelingen nur wenige Vorhaben. Und der zweite Punkt ist die finan­zielle Förderung. Zahlreiche Programme wie beispiels­weise ZiM oder die FuE-Förderung der SAB sind so angelegt, dass sie den Mittel­stand nachhaltig fördern sollen. Sie müssen auch weiterhin Bestand haben und sollten sogar noch aufge­stockt werden. Auch über sie sollten Anreize zur Cluster­bildung gesetzt werden, nicht ausschließlich über Netzwerk­pro­gramme. Denn Wissen, Können und Infra­struktur vieler Betei­ligter ist maßgebend für umfas­sende Lösungen und innovative Produkte, wenn sie am Markt Bestand haben sollen.

futureSAX: MERGE verfolgt eine umfassende Internationalisierungsstrategie insbesondere im sächsischen Dreiländereck. Welche Vorteile ergeben sich daraus für den grenzüberschreitenden Transfer und die Internationalisierung sächsischer Unternehmen?  

Die Vorteile sind sehr vielfältig. Manch einer findet grenz­über­greifend erst ausge­wiesene Experten in einer Thematik, profi­tiert von Gesetz­gebung und vorhan­dener Infra­struktur der Partner oder erlebt einen erfri­schenden, zupackenden Aktio­nismus, eine Art gesell­schaft­lichen „Macher-Geist“, der dazu einlädt, gedank­liche Schranken abzubauen. So erlebe ich es zumindest häufig im Nachbarland Polen. Mitunter betritt man aber auch sprich­wört­liches Neuland, das es sich zu gestalten lohnt. Für sächsische Unter­nehmen sind nach meiner Einschätzung vor allem die Erschließung neuer Märkte, der Wissens- und Techno­lo­gie­aus­tausch und nicht zuletzt natürlich die Stärkung der eigenen Position im, wenn vielleicht nicht globalen, so doch im europäi­schen Wettbewerb echte Vorteile.

futureSAX: Die Anwendungspotentiale für den Leichtbau erstrecken sich über viele Branchen – vom Transportsektor über den Bausektor bis hin zum Maschinenbau. Welche Bedeutung haben Ihrer Ansicht nach branchenübergreifende Netzwerke, wie das futureSAX-Know-how-Netzwerk in diesem Zusammenhang?

Netzwerke dieser Art haben einen sehr hohen Stellenwert, denn erst eine branchen­über­grei­fende, wir Wissen­schaftler würden sagen, inter­dis­zi­plinäre Vorge­hens­weise ermög­licht die ganzheit­liche Bearbeitung von Themen­feldern oder auch Heraus­for­de­rungen. Viele Unter­nehmen sind bereits dazu überge­gangen, ihr Kernge­schäft zu erweitern, um diese Ganzheit­lichkeit dem Kunden zu offerieren. Das bedeutet heute nämlich nicht mehr nur Service, sondern wird zunehmend als Selbst­ver­ständ­lichkeit betrachtet. Um die Anwen­dungs­po­ten­tiale beispiels­weise von Techno­logien und Produkten zu erweitern, bedarf es also eines Blicks über den eigenen Unter­neh­men­stel­lerrand hinaus und zwar nicht nur die Sicht auf die Konkurrenz, sondern viel mehr noch auf mögliche Partner zur Entwicklung gemein­samer, erfolgs­ver­spre­chender Konzepte.

futureSAX: Vielen Dank für das Interview.

Mehr zu MERGE: Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen erfahren Sie hier: https://www.tu-chemnitz.de/MERGE