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In der Silber­stadt Freiberg glänzt das FILK durch überzeu­gende Forschungs­arbeit.

futureSAX im Know-how-Netzwerk-Interview mit Dr. Michael Meyer, Forschungs­leiter am Forschungs­in­stitut für Leder- und Kunst­stoff­bahnen FILK

Was vor mehr als hundert Jahren als Schule für Gerber begann ist heute ein fester Bestandteil in der Forschungs­land­schaft Deutsch­lands. Wir haben im Vorfeld mit dem Forschungs­leiter Dr. Michael Meyer über seine Arbeit, Erfolge und Ziele gesprochen.

„Letztlich haben alle unsere Aktivitäten(…), immer das Ziel Innovationen und Nutzen für die Industrie zu stiften…“

futureSAX: Herr Dr. Meyer, bitte beschreiben Sie kurz die Forschungsschwerpunkte und Kernkompetenzen des Forschungsinstituts für Leder- und Kunststoffbahnen FILK.

Histo­risch war unser Institut vor fast 130 Jahren zunächst Schule für Gerber, wenig später auch Forschungs­ein­richtung für die Leder­in­dustrie und seit den 1960ern auch spezia­li­siert auf Beschich­tungen flexibler Materialien mit synthe­ti­schen Polymeren, denken Sie an Kunst­leder. Bis heute haben wir uns aber konti­nu­ierlich thema­tisch erweitert. Wir beschichten immer noch flexible Materialien aber eben nicht nur Textilien, sondern auch Papier, Bleche oder auch Verbünde. Wir stellen aber auch selbst Polymere her, entwi­ckeln Prozesse zur Gewinnung von kolla­genen Bioma­te­rialien, können natür­liche und synthe­tische Oberflächen modifi­zieren, um Reibung und Verschleiß zu steuern, und haben nicht zuletzt auch biolo­gische Labore zur Unter­su­chung der Biokom­pa­ti­bi­lität oder des mikro­bi­sta­ti­schen Verhaltens von Materialien.

futureSAX: Das FILK ist Mitglied der Sächsischen Industrieforschungsgemeinschaft (SIG). Als industrienahe Forschungseinrichtung entspricht es ihrem Leitbild, die Forschungsarbeiten und Bildungsangebote überwiegend am Entwicklungs- und Wissensbedarf der mittelständischen Wirtschaft zu orientieren. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus und wie können sächsischen Unternehmen von der Forschung und Entwicklung am FILK profitieren?

Letztlich haben alle unsere Aktivi­täten und Arbeiten am Institut, ebenso wie die unserer Partner­in­stitute der SIG, immer das Ziel Innova­tionen und Nutzen für die Industrie zu stiften, vor allem für die mittel­stän­dische, die nicht ohne Weiteres genügend Ressourcen hat, um über F&E ausrei­chend Innova­tionen zu erzeugen. Dann kommen die unabhän­gigen Indus­trie­for­schungs­ein­rich­tungen wie die unsrige ins Spiel. Wir überlegen schon zu Beginn, also in der Phase der Entwicklung von Projek­tideen und der Genese von Projekten, wie daraus später Innova­tionen für den Transfer in die Industrie entstehen können.

Über unseren Förder­verein stehen wir zusätzlich in einem engen Austausch mit unseren Mitglieds­un­ter­nehmen, mehrheitlich auch Mittel­ständler. So können wir konti­nu­ierlich unsere Forschungs- und Entwick­lungs­ak­ti­vi­täten justieren und an die Bedürf­nisse unserer Indus­trien anpassen.

Die Aktivi­täten der SIG haben unter anderem das Ziel, die Forschungs­kom­pe­tenzen am Standort Sachsen stärker sichtbar zu machen. Und so arbeiten auch wir daran, unsere sächsi­schen Partner­un­ter­nehmen immer wieder mit unserer Kompetenz zu unter­stützen. So mancher weiß gar nicht, was er vor der Haustüre hat. Idealer­weise münden unsere F&E-Aktivi­täten in Koope­ra­ti­ons­pro­jekte, die dann bis zu einer Verfahrens- oder Produkt­ent­wicklung führen.

„Der Freistaat Sachsen unternimmt seit vielen Jahren große Anstrengungen, Medizintechnik- und Biomedizintechnikunternehmen und Start-ups zu etablieren.““

futureSAX: Das FILK ist Mitglied der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen. Im September 2018 wurde mit sechs weiteren AiF-Mitgliedern die "Forschungsallianz Medizintechnik (FAM)" ins Leben gerufen. Herr Dr. Meyer, welche Ziele und Inhalte verfolgt das FILK mit der Allianz, welche positiven Effekte erwarten Sie für den Standort Sachsen und wie können sich Unternehmen daran beteiligen?

Unter dem Dach der "Arbeits­ge­mein­schaft indus­tri­eller Forschungs­ver­ei­ni­gungen" (AiF) bearbeiten insgesamt über 100 AiF-Forschungs­ver­ei­ni­gungen regel­mäßig Forschungs­pro­jekte der Indus­tri­ellen Gemein­schafts­for­schung in den unter­schied­lichsten Techno­logie-, Branchen- und Anwen­dungs­feldern, einige davon mit Bezug zur Medizin­tech­nik­branche. Es werden Themen wie Bioma­te­rialien, Sensorik, Medizin-Infor­matik ebenso adres­siert, wie Diagnostik, Digital Health, Material­ent­wicklung für die medizi­nische Therapie und Tissue Engineering.

Oft genug lassen sich diese Forschungs­ak­ti­vi­täten, die in den zurück­lie­genden Jahren auf Grund von Diver­si­fi­zie­rungs­stra­tegien entwi­ckelt wurden, nicht am Namen der Forschungs­ver­ei­ni­gungen ablesen. An unserem Beispiel, was hat Leder mit Bioma­te­rialien zu tun? Dieser Umstand erschwert es Medizin­technik-Unter­nehmen, inter­essante Themen und Forschungs­ver­ei­ni­gungen in der AiF zu identi­fi­zieren und davon zu profi­tieren.

Über die FAM werden wir der Medizin­technik-Branche eine noch größere Anzahl Forschungs­pro­jekte vorstellen können, eine größere thema­tische Trans­parenz schaffen und auch die sehr komplexen Themen inhaltlich verstärkt angehen. Die Unter­nehmen sind einge­laden, auch eigene Frage­stel­lungen einzu­bringen und vom direkten Techno­lo­gie­transfer zu profi­tieren. Das gilt natürlich auch für sächsische Unter­nehmen und Forschungs­ein­rich­tungen.

futureSAX: Herr Dr. Meyer, der Institutsname lässt es nicht vermuten, allerdings ist das FILK mittlerweile auch sehr stark im Bereich Biomedizin und insbesondere der angewandten Kollagenforschung tätig. Was verbirgt sich hinter diesem „Transfer“ und welche Innovationspotentiale sehen Sie darin für die sächsische Wirtschaft?

Der Freistaat Sachsen unter­nimmt seit vielen Jahren große Anstren­gungen, Medizin­technik- und Biome­di­zin­tech­nik­un­ter­nehmen und Start-ups zu etablieren. Das Max-Bergmann-Zentrum in Dresden und die Bio-City in Leipzig sind erfolg­reiche Beispiele hierfür. Unsere Forschungs­schwer­punkt und somit unser Beitrag auch für Innova­tionen sächsi­scher Unter­nehmen liegen in der angewandten Kolla­gen­for­schung.

Kollagen wird seit etwa 40 Jahren in der Pharma-, der Kosme­tik­in­dustrie und für die Herstellung von Medizin­pro­dukten einge­setzt. Es kann zu Folien, Fäden, Schläuchen oder 3D Formen verar­beitet werden, um daraus Hämos­ty­ptika, Implantate, Drug Delivery Systeme und Zellträger herzu­stellen. Spannend ist für uns zu sehen, dass die Techno­logien und hier auch Eigen­ent­wick­lungen, denen der Leder­her­stellung sehr ähnlich sind, jedoch unter Reinraum­be­din­gungen. Hier besitzen wir nachvoll­ziehbar sehr großes Know-how.

Wir entwi­ckeln Prozesse und die beglei­tende Analytik für Bioma­te­ri­al­her­steller bis hin zu Analysen, die für die Zulassung als Medizin­produkt erfor­derlich sind. Mit diesen Kompe­tenzen an unserem Institut sehen wir auch großes Potential für sächsische Unter­nehmen.

„Unsere Freiberger Ledertage(…) sind zu dem Europäischen Meeting Point der Lederindustrie geworden…“

futureSAX: Im Juni 2019 finden zum 8. Mal die Freiberger Ledertage – ein branchenübergreifendes Forum zum Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – statt. Herr Dr. Meyer, wie kann nach ihrer Einschätzung der branchenübergreifende Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch verbessert werden?

Unsere Freiberger Ledertage haben sich in den vergan­genen 7 Jahren tatsächlich gut etabliert und sind zu dem Europäi­schen Meeting Point der Leder­in­dustrie geworden, letztes Jahr mit fast 250 Teilnehmern. In diesem Jahr werden die Ledertage mit dem Weltkon­gress der Gerbe­rei­che­miker und Techniker gekoppelt, auch auf Grund unserer Kompe­tenzen auf dem Gebiet. Dass der XXXV. IULTCS Inter­na­tional Congress im Juni nach Dresden delegiert wurde ist auch Bestä­tigung und Anerkennung unserer Arbeit aber auch für den Standort Sachsen. Wir freuen uns schon sehr darauf, wenn sich Vertreter aus der Gerberei- und Leder­in­dustrie mit den Wissen­schaftlern der Branche aus der ganzen Welt bei uns in Dresden treffen. Wichtig ist uns aber immer auch über die Branche hinaus zu schauen und den persön­lichen Kontakt zu unseren vielen Koope­ra­ti­ons­partner zu pflegen. Darin liegt wohl der Schlüssel für den Erfolg.

futureSAX: Herr Dr. Meyer, was war Ihr Beweggrund, Teil des futureSAX-Know-how-Netzwerkes zu werden, und wie wichtig sind solche branchenübergreifenden Plattformen für den Wissens- und Technologietransfer?

Branchen­über­grei­fenden Innova­ti­ons­platt­formen wie futureSAX für Sachsen messe ich ebenso viel Bedeutung wie den fachlichen Netzwerken bei. Die Themen­stel­lungen in der Industrie und in Forschung und Entwicklung sind heute wesentlich komplexer als noch vor 20 Jahren. Oft lassen sie sich nur noch mit Partnern angren­zender Forschungs­ge­biete und/oder mit Querschnitts­funk­tionen bearbeiten. Hier bieten Transfer- und Know-how-Netzwerke einen idealen Ideen- und Austauschpool. Die Mitarbeit liefert Inspi­ration und Ideen für die Entwicklung von neuen Forschungs­themen mit neuen Partnern. Es lassen sich Synergien und Berüh­rungs­punkte mit Forschungs­ein­rich­tungen identi­fi­zieren, die man so nicht unbedingt im Fokus hatte. Und letztlich lassen sich Trans­ferak­ti­vi­täten viel zielge­rich­teter kanali­sieren.

futureSAX: Vielen Dank für das Interview.

Mehr zum Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen FILK. erfahren Sie hier.