futureSAX-Interview mit Frank Sonntag
„Die Kooperation mit Unternehmen unterschiedlicher Branchen ist essentiell"
futureSAX-Interview mit Frank Sonntag, Gruppenleiter Bereich Mikro- und Biosystemtechnik Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS
Seit Jahrtausenden gibt es Tierversuche. Dabei sind die Ergebnisse teilweise nicht auf den Menschen zu übertragen. Sogenannte Organchips wären in der Lage Körperfunktionen nachzubilden und damit tierversuchsfreie Forschung zu erlauben. Dr.-Ing. Frank Sonntag, Gruppenleiter vom Bereich Mikro- und Biosystemtechnik beim Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS, wagt beim futureSAX-Innovationsforum in Radebeul einen Blick in die Zukunft zum Thema „Die Märkte von übermorgen“ und hat uns jetzt schon im Interview verraten, wie diese aussehen könnten.
futureSAX: Herr Dr. Sonntag, was sind eigentlich Organchips?
Frank Sonntag: Mikrophysiologische Systeme, umgangssprachlich auch Organchips genannt, sind komplexe, miniaturisierte Zellkultursysteme in der Größe einer Visitenkarte, die biomedizinisch oder pharmakologisch relevante Funktionsmechanismen des menschlichen Körpers emulieren. Solche Mechanismen sind beispielsweise die Aufnahme, Umwandlung, Verteilung und Ausscheidung von Substanzen sowie systemische Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Zelltypen. Erreicht wird dies durch die Kultivierung verschiedener menschlicher Zelltypen im Mikroperfusionssystem. Dabei werden physikalische Körperfunktionen wie die Regelung der Temperatur oder der Transport des Blutes durch technische Lösungen wie Heiz- und Kühlelemente sowie eine in das System integrierte, herzähnliche Pumpe nachgebildet und über einen Controller geregelt.
futureSAX: Am 18. August 2016 sind Sie auf dem futureSAX-Innovationsforum einer der Experten für das Thema „Die Märkte von übermorgen“. Wo stehen wir beim dem Thema Organchips aktuell und welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren?
Frank Sonntag: Auch wenn die Technologie aktuell noch am Anfang steht, haben es die ersten mikrophysiologischen Systeme bereits in die kommerzielle Anwendung geschafft. Beispiele aus Deutschland sind der künstliche humane Lymphknoten der ProBioGen AG oder die Multi-Organchips der TissUse GmbH. Aktuell ist der Fokus noch auf die medizinische Grundlagenforschung und tierversuchsfreie Substanztestung für die Kosmetikindustrie beschränkt. Wir gehen davon aus, dass die Technologie in den kommenden Jahren viele Tierversuche ersetzen und neue Anwendungsbereiche wie die Pharmaforschung und die individualisierte Medizin erobern wird. Parallel sehen wir auch großes Potential in anderen Bereichen wie Chemie, Verfahrenstechnik und Informationstechnologie.
futureSAX: Welche Rolle spielt die Kooperation mit Unternehmen für Ihre Forschung und wie tragen Ihrer Ansicht nach branchenübergreifende Netzwerke, wie das futureSAX-Netzwerk, zum Wissens- und Technologietransfer bei?
Frank Sonntag: Bedingt durch den komplexen Aufbau sowie das weite Anwendungsspektrum mikrophysiologischer Systeme sind zur Herstellung und Anwendung sowie zur Auswertung der damit generierten Daten diverse Technologien aus sehr unterschiedlichen Branchen wie Biotechnologie, Medizin, Zellkulturtechnologie, Konstruktion und Maschinenbau, Elektronik sowie Datenverarbeitung notwendig.
Die Kooperation mit Unternehmen unterschiedlicher Branchen ist essentiell für unsere Forschung. Branchenübergreifende Netzwerke wie futureSAX helfen uns die Technologie publik zu machen und geeignete Partner zu finden.
futureSAX: Worauf freuen Sie sich beim kommenden futureSAX-Innovationsforum am meisten?
Frank Sonntag: Auf interessante Diskussionen mit Vertretern unterschiedlicher Branchen.
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